Schöner Neuer Himmel von Ines Geipel

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Im Mai 2022 erschien das neue Buch von Ines Geipel „Schöner Neuer Himmel. Aus dem Militärlabor des Ostens“, Klett-Cotta, Stuttgart.

Die Idee war so ambitioniert wie anmaßend: den Kommunismus auch im All real werden zu lassen. Und die Realität? Um einen „Körper mit optimaler Normierung“ für den Himmel zu kreieren, wurden ab 1967 im Osten „adäquate Bodenmodelle“ geschaffen und an ihnen hoch geheim geforscht.

Was surreal klingt, findet Ines Geipel belegt in den Nachlässen des ostdeutschen Militärs, aber auch bei denen, deren Körper zum Material gemacht wurden.

Rezension zum Buch von Peter Neumann in die „Zeit“, Nr. 24 vom 9. 6. 2022: „Die besten Sterne sind bald weg“

  • „Ein atemlos spannender Wissenschaftskrimi“
  • „Eine Körpergeschichte des 20. Jahrhunderts, in der die großen Bahnen der politischen Zeitläufte noch durch die feinsten individuellen Kapillaren wandern“
  • „Ein Paradestück darüber, mit welcher gewaltigen Hybris sich der Mensch gestern wie heute über sein eigenes Leben und das seiner Mitmenschen beugt“
  • „Eine große Meditation über die Machbarkeit von Geschichte“

Rezension zum Buch von Peer Teuwsen in NZZ, 18.6.2022:  
„Dieser himmlische Sehnsuchtsraum“

  • „Es ist eine mühselige Arbeit, die Geipel geleistet hat. Sie führt sie von Freiburg in den Osten Deutschlands, nach Berlin-Adlershof, in die Bibliothek des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, nach Schwerin in die Stasiunterlagenbehörde. Die Arbeit hat sich gelohnt.“
  • „Es ist zu hoffen, dass Ines Geipel Historikerinnen und Historiker nachfolgen werden.“

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MDR-artour vom 9. 6. 2022

DDR-Weltraumforschung – Neues Buch von Ines Geipel

Schöner Neuer Himmel von Ines Geipel

Aus „Schöner Neuer Himmel.
Aus dem Militärlabor des Ostens“

Auf meiner Bestellliste für die Archivwoche im April 2018: »Klinik und Therapie ausgewählter Sabotagegifte«, »Folgen ionisierender Strahlung aufs Gewebe«, »Neue Erkenntnisse über die Panik im Gefecht«, »Plazentaforschung«, »Medizinische Vorbereitung von Kosmonautenkandidaten«, »Selbstmordversuche Strafgefangener aus psychiatrischer Sicht«, »Blutersatzmittel«, »Leistungsorientierte
Verwendungen von Frauen«, »Polytrauma«. Themen, die mir im digitalen Bestellsystem ins Auge gefallen waren. Aber wo anfangen?
Beim Himmel. Auf alle Fälle da. Bei der Frage nach bewohnbaren Zonen und außerirdischem Leben. Bei dem, was größer, älter, unendlicher ist als alles, was wir uns vorstellen können. Sollte es nicht was geben auch ohne uns?

Neues Buch von Ines Geipel: Schöner Neuer Himmel, Seite 15

Der Neue Mensch. Der nicht mehr organbezogene Körper. War er ein Projekt, das man in die Zukunft schießt, damit es Zukunft spielen kann? Ein früher Cyborg? Der konkrete Start für das, was kurze Zeit später Interkosmos-Programm genannt wurde, ist in den Quellen für den 13. 4.1967 belegt. Spezialisten aus neun Ländern der Sowjet-Hemisphäre kamen in Moskau zusammen, um am Ende einer kalten Aprilwoche einen Forschungskomplex von höchster Mission aus den Angeln zu heben: »die Erforschung und Nutzung des Weltraumes«. Das sah nach Grundsätzlichem aus. Zumindest war es etwas, wofür die DDR schon zwei Jahre zuvor ihr Placet gegeben hatte. Wohl auch deshalb, weil die Kosmosforschung in der ostdeutschen Forschungslandschaft des Nachkriegs eher ein Schattendasein
geführt hatte. Historisch zu belastet, zu teuer, politisch nicht durchsetzbar.

Neues Buch von Ines Geipel: Schöner Neuer Himmel, S. 65

Archiv der Akademie der Wissenschaften in Berlin am Gendarmenmarkt. Die Strategiepläne für die biowissenschaftliche Forschung im Bereich der Kosmischen Physik aus dem Jahr 1973. Trotz Startphase klingen sie recht deutlich. »Die zukünftige biologische Forschung« sollte »die Voraussetzungen schaffen, um genetische Informationen gerichtet zu beeinflussen, die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit zu fördern, psychische Prozesse einschließlich Lern- und Gedächtnisprozesse zu steuern, Alterungsprozesse sowie krankhafte Störungen zu beeinflussen«. Das Land wechselte zu diesem Zeitpunkt vom Zustand der Prognose in den Zustand der langfristigen Planung über.91 Das System war auf Dauer aus. Akademie der Wissenschaften und Industrieforschung hatten zusammenzurücken, um die größer werdenden Defizite auszugleichen.

Schöner Neuer Himmel, S. 96

Ich mag es, wenn Archive nicht einfach nur Lesesäle sind, sondern richtige Räume. Wenn ich mitkriege, wo die Geschichte ihre Toilette hat und ihren Kaffeeautomaten. Wenn ich mich auf den Weg machen und etwas ablaufen kann. Die Flure, die Treppenhäuser, die Türen, die Nebengebäude. Dann habe ich das Gefühl, Geschichte hat was mit Luft kriegen zu tun. Etwas ist dabei, sich zu öffnen. Die Dinge dürfen etwas klarer werden. Im Nebengebäude bekam ich drei Zettelkästen hingestellt. Alte DDR-Holzkästen, die Karteien vielfach noch mit der Hand geschrieben. Was mir auffiel: Einige der Doktorarbeiten handelten vom Gift. Mehrere Arbeiten handelten vom Blut. Zahlreiche Arbeiten handelten von Strahlen. Etliche Arbeiten handelten von Leistung. Erstaunlich viele Arbeiten handelten vom Extrem. Gift, Blut, Strahlen, Leistung, Extrem. Lässt sich daraus etwas ableiten? Ein Muster, eine Logik? Pauste sich da was durch?

Schöner Neuer Himmel, S. 120

Neben Abrek und Bion im Biosputnik 1514, der im Dezember 1983 ins All startete, gab es noch Tevton. Wie die beiden anderen Rhesusaffen wurde er in Suchumi auf seine Kosmonautenexistenz vorbereitet, kam aber dann als Synchrontier zeitgleich auf der Erde zum Einsatz. »Mittels der Methode des instrumentellen bedingten Reflexes (Operatortätigkeit), mit Nahrungsbekräftigung, erfolgte die Untersuchung der höheren Nerventätigkeit an den Affen Abrek, Bion (Flugtiere) und Tevton (Synchrontier) vor und während des Fluges, sowie 1 Tag, 1 Woche und 3 Wochen nach dem Flug.« Als sogenannte »Nahrungsbekräftigung« hatte sich als Favorit Sanddornsaft durchgesetzt. Ansonsten hockte Tevton fixiert in seiner Kapsel und wartete die Zeit ab, bis seine Kollegen ihre Himmelsmission beenden durften.

Schöner Neuer Himmel, S. 147

Ich sortiere die Blätter. Ich will eine Ordnung, nach Jahren, nach Themen, nach Forschungssynapsen, was nicht so ohne ist. Das Material ist viel, es ist disparat, es ist nur vorläufig sortiert. Die Quellen, die Sprache, das Denken, die Lücken. In einem der letzten Protokolle des Wissenschaftlichen Rates in Bad Saarow lese ich: »Zu vernichten sind: Berichte der Ergebnisse, Themenanträge bzw. nicht bearbeitete Themen, Unterlagen der Festakte, Schriftverkehr der Militärmedizinischen Akademie und Fakultät der Militärmedizin, Freigabeerklärungen für Dissertationen, Unterlagen zu Doktorandenlehrgängen, Arbeitsordnung, Jahresberichte, Profillinien.«

Schöner Neuer Himmel, S. 198

In einem der Folgeprotokolle von Bad Saarow aus dem Jahr 1987 ist als Konsequenz zu lesen: »Unter Berücksichtigung gemachter Erfahrungen hinsichtlich risikobehafteter Forschung sollte eine breitere Einbeziehung potentieller Nutzer (Partner) erfolgen. Diese könnte sowohl Interkosmos als auch Anwender ionisierender Strahlung in der DDR betreffen. Die Thematik sollte in den Rat der Medizinischen Wissenschaften eingebracht werden, um eine eventuelle Überführung in eine Staatsplanaufgabe langfristig vorzubereiten. « Risikobehaftete Forschung. Einbeziehung potentieller Nutzer. Die militärische Forschung verlagerte ihre Graubereiche, Untiefen, Entgrenzungen.

Schöner Neuer Himmel, S. 210

Vermutlich hätte ich die Immunologie im Heuhaufen der Akten glatt übersehen, doch im Herbst 2021 war sie auf einmal da. Das hatte einzig und allein mit einem Detail zu tun, und das wiederum mit dem Hier und Jetzt: »Reise nach Peking, Wuhan, 18.4. – 5.7.1988«, stand da als kurze Notiz in einer Akte.398 Das Institut für Virologie in Wuhan war bereits 1956 gegründet worden und erhielt 1978 den Namen, den es heute noch trägt. Eine Einrichtung mit Tradition also.

Buch  Schöner Neuer Himmel, S. 212

Was ist im Hinblick auf Interkosmos und Biomedizin unberücksichtigt, was außen vor geblieben? Die Forschung der Akademie der Wissenschaften der DDR mit der Staatssicherheit unter der Deckadresse des Militärs zum Beispiel. In der Nachfolge von zwo sechsundzwanzig, dem Sigmund-Jähn- Sprachprojekt, sollte innerhalb des Interkosmos-Programms 1982 ein »Sprachanalysegerät« entwickelt werden, das den psycho-emotionalen Zustand der Kosmonauten genauer bestimmte. Ein Vorhaben, für das auch der DDR-Geheimdienst reges Interesse zeigte, denn es ermöglichte ihm, bei zu observierenden Regimegegnern Sprach- oder auch Geräuschanalysen anzufertigen. Oder auch: Man konnte mit der neuen Technik genauer, zielgerichteter abhören.

Buch Schöner Neuer Himmel, S. 227

Die programmierten Manöver im All, die »Schwerelosigkeitsmuster«, der »nicht mehr organbezogene Körper«. Es waren die Konzepte der Kybernetikkultur des Kalten Krieges. Veraltet sind sie nicht, ganz im Gegenteil: In den letzten zehn Jahren hat die Eroberung des Extraterrestrischen eine frappierende Renaissance erfahren. Stellare Macht gleich globale Macht? Im Februar 2019 erklärte US-Präsident Donald Trump das Weltall zur »neuen Kriegsfront« und unterzeichnete ein Dekret zur Gründung einer eigenständigen »Space Force«. Der Himmel ist zur neuen Bühne für die weltpolitischen Justierungen geworden. Als ein Markt der Macht und als ein Markt des Geldes.

Schöner Neuer Himmel, S. 239

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